LEHRFORSCHUNG TACHELES BERLIN, MYTHOS RUINE

    Teilnehmer: Matthias Bögel, Viviane Grant, Jana Schall
 
 

 

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„Orange ist der Berliner Winterhimmel auch an jenem Abend, an dem wir von der Oranienburger Straße in den Hof des Tacheles gehen, wo ein Trabant kopfüber im Sand steckt, lakonisches Mahnmal einer Lebensweise, die es nicht mehr gibt. An der Rückseite des Hauses befindet sich eine unscheinbare graue Stahltür, die sich gegen elf, zwölf Uhr nachts öffnet (…) Wir steigen hinunter und betreten den Gang am Fuß der Treppe. Die Decken sind niedrig, die Wände unverputzt und feucht. Es riecht nach Keller, nach jahrzehntelanger Ruhe, nach Zigarettenrauch und nach dem verschütteten Bier vergangener Feste. Beim ersten Mal herrscht an dieser Stelle Verwirrung: Wo geht´s weiter? Geradeaus in den langen Stollen, der in vollkommener Dunkelheit verschwindet? Oder lieber rechts um die Ecke? (…) Zwei Räume sind auszumachen, die durch einen kleineren Raum in der Mitte getrennt sind. Wände sind herausgebrochen worden. Ein Laserstrahl durchquert den Club von links nach rechts. Wie ein Fingerzweig aus der Zukunft, der auf die Reste einer Geschichte trifft, die 1945 stehengeblieben zu sein scheint (…) Weiter hinten im Dunkeln führt eine kleine Brücke über ein Loch im Boden, in dem Wasser steht. Leute tanzen zu einer neuen Musik, die ein DJ auflegt, dessen Namen wir nicht kennen.“ aus: Gutmair, Ulrich, Die ersten Tage von Berlin: Der Sound der Wende, Tropen 2014

 

 

 

 

 

 

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Die Ruine des Tacheles steht emblematisch wie kein anderes Gebäudes für den Mythos der 90 Jahre in Berlin-Mitte und repräsentiert die historischen Brüche der Stadt: Bau der letzten großen wilhelminischen Passage, Insolvenz vor dem 1. Weltkrieg, Übernahme durch die AEG als Ausstellungshaus für Firmenprodukte, Kriegszerstörung 1944, Zwischennutzung, Teilabriss und Sprengung in den 80er Jahren, Besetzung, Legalisierung, Zwangsräumung, Leerstand. Jetzt soll das Fragment des 1909 als Friedrichstraßenpassage eröffneten Gebäudes von den Architekten Herzog & de Meuron umgebaut werden. Der einstige Durchgang von der Oranienburger hin zur Friedrichstraße soll in seiner neuen Version im mittleren Bereich wieder einen runden Hof bekommen, den im Gegensatz zu früher aber keine Kuppel krönen soll.

 

 

 

 

 

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Im Kontext der aktuellen Planung, die auf dem insgesamt gut 25 000 qm großen Gelände diverse Gebäude mit einer gemischten Nutzung von Büros, Gewerbe und Wohnungen vorsieht und darin das Tacheles Gebäude integrieren will, stellt sich die Frage nach dem Wesen der Ruine: Warum sieht das so aus? Was ist das Potential des Fragments: Identitätsstiftend als Geschichtsverweis, als Auslöser einer Imagination des Abwesenden oder im Sinne des städtischen Palimpsests als offene, unvollständige Struktur, die eine Reaktion und Transformation provoziert. Im Zuge einer genauen Gebäudeanalyse und zeichnerischen Darstellung der jeweiligen Struktur (Zustand Passage – Ruine – Bricolage Kunsthaus Tacheles) wird die Entwicklung dieser Ruinen-Ikone erforscht und räumlich strukturell erfahrbar gemacht.

 

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Das Lehrforschungsprojekt untersucht konkret an diesem Beispiel architektonische Strategien im Umgang mit urbanen Ruinen in Berlin. Durch Inputs wird in das wissenschaftliche Arbeiten eingeführt und relevante Themen (u.a. Strategie des Non-finito / Architektur als Provisorium / Aneignungs- und Transformationsprozesse von Gebäudestrukturen / Zeichenhaftigkeit von Architektur etc…) vorgestellt, die zu einer weiterführenden individuellen Themenfindung führen sollen.